Inhalt
• I N F O •
Episodenfilm, USA, Japan 1990, Regie: Akira Kurosawa, Buch: Akira Kurosawa, Ishirô Honda, Kamera: Takao Saito, Masaharu Ueda, Kazutami Hara, Musik: Shinichirô Ikebe, Produzent: Steven Spielberg, Hisao Kurosawa, Mike Y. Inoue. Mit: Toshihiko Nakano, Mitsunori Isaki, Sunori Isaki, Mitsunori Izaki, Akira Terao, Chishu Ryu, Chosuke Ikariya, Hisashi Igawa, Mitsuko Baisho, Martin Scorsese, Mieko Harada, Yoshitaka Zushi, Misato Tate, Suko Baisho, Mieko Suzuki, Chish? Ry?.
Der drittletzte Film von Akira Kurosawa ist eine Folge von acht Träumen. Der Meisterregisseur (1919-1998) setzt sich dabei mit Kindheitserinnerungen, Ängsten und Hoffnungen auseinander - von seiner Leidenschaft für die Malerei, über die atomare Bedrohung bis zum Zerfall Japans.
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• R E W I E V •
Dreams ist ein Episodenfilm, der aus acht verschiedenen Geschichten besteht. Jede Episode beruht auf Träumen, Visionen und Erinnerungen, die Drehbuchautor und Regisseur Akira Kurosawa im Verlaufe seines mehr als 80jährigen Lebens einmal hatte...
Episode 1: "Sonne, die durch den Regen scheint", handelt von einem 5 Jahre alten Jungen, der nach einem Regenschauer, als die Sonne schon wieder zu scheinen beginnt, heimlich im Wald die Füchse bei einer Hochzeit beobachtet. Dabei bemerken ihn die Füchse jedoch und unterbrechen ihre Zeremonie. Als der Junge wieder nach Hause kommt, weigert sich seine Mutter ihn wieder in ihr Heim aufzunehmen: "Du hast Ungehorsam begangen, indem du verbotenerweise die Füchse beobachtet hat; für solch einen Jungen ist hier kein Platz mehr", sagt sie. "Die Füchse haben mir von deinem Vergehen berichtet und haben ein Messer bei mir abgegeben. Damit musst du nun Harakiri begehen um deine Ehre wiederherzustellen."
Sie rät ihm, die Füchse aufzusuchen, um sie zu bitten, ihre Vergebung auf andere Art zu erlangen als den Freitod. Und so macht sich der Junge auf die Suche ...
Episode 2: "Der Pfirsich-Garten", handelt ebenfalls von einem kleinen Jungen. Ein ihm unbekanntes Mädchen lockt ihn in den Pfirsichgarten des elterlichen Hauses. Dort sieht er zu seinem Entsetzten, dass alle Pfirsich-Bäume abgeholzt sind. Er trifft auf eine Versammlung von Hina-Puppen, die die Geister der abgeholzten Pfirsich-Bäume repräsentieren. Diese machen dem Jungen Vorwürfe, dass die Menschen die Pfirsich-Bäume gefällt haben. Ihm gelingt es jedoch, sie davon zu überzeugen, dass er als Kind keine Schuld daran hat. Die Hina-Geister zeigen Einsicht und machen ihm ein Geschenk: Vor seinen Augen führen sie einen geheimnisvollen Tanz auf, in dessen Verlauf der Junge den Garten noch einmal, ein letztes Mal, in voller Blüte zu sehen bekommt. Der Zauber dauert aber nur kurze Zeit, und als der Junge sich wieder umsieht, steht nur noch ein einziger Baum in dem vorher vollständig leeren Garten...
Episode 3: "Der Schneesturm", handelt von den Erlebnissen einiger Bergsteiger, die inmitten eines heftigen Schneetreibens ihrer Erschöpfung zum Opfer fallen und einschlafen; etwas, was in den schneebedeckten Bergen den sicheren Tod bedeutet. Dabei begegnet ihnen im Traum eine wunderschöne Schnee-Fee, die sie in Sicherheit wiegt und die schlafenden Männer anmutig mit Schnee bedeckt. Der Anführer der Bergsteiger erkennt jedoch die tödliche Gefahr und kann sich - und auch seine Gefährten - aus dem Schlaf reißen. Da lichtet sich der Sturm, und die Vier bemerken, dass sie sich bereits wenige Meter von ihrem Lager entfernt befinden...
Episode 4: "Der Tunnel", handelt von einem Hauptmann, der als einziger Überlebender aus dem Krieg zurückkehrt. Als er durch einen langen, unheimlichen Tunnel schreitet, begegnet ihm ein Hund, der ihn bösartig anknurrt. An den Körper des Hundes sind noch immer einige Handgranaten geschnallt. Am Ende des Tunnels kommt plötzlich ein gefallener Soldat auf den überlebenden Hauptmann zu und fragt ihn, warum er denn sterben musste. Der Gefallene kann sich mit seinem Tod einfach nicht abfinden und erzählt dem Überlebenden von seinen Eltern. Dieser rät ihm schließlich, in den Tod zurückzukehren; der Gefallene setzt sich jedoch erst in Bewegung, als der Hauptmann ihn militärisch anschreit. Kaum verschwindet der Tote im Tunnel, kommt auf einmal die gesamte Einheit, die der Hauptmann in den Tod geschickt hat, anmarschiert und meldet sich zum Dienst. Der Hauptmann erklärt seinen Männern den Sachverhalt und bittet sie unter Tränen, Frieden zu finden und endlich zu sterben. Die Soldaten scheinen ihrem Hauptmann tatsächlich zu vergeben, drehen sich um und marschieren davon. Doch kaum sind ihre Stimmen verhallt, wird der Hauptmann von dem offensichtlich toten Hund angefallen...
Episode 5: "Die Krähen" handelt von einem Kunststudenten, der eine Van-Gogh-Ausstellung besucht. Urplötzlich befindet er sich in einem der Gemälde Van Goghs. Als er weiterschreitet, durchläuft er die real gewordenen Bilder des niederländischen Malers, bis er ihn selbst in einem Kornfeld antrifft. Van Gogh erzählt dem Studenten von seinem triebhaften Drang, malen, die Natur einfangen und arbeiten zu müssen wie ein Besessener, wie von einer Lokomotive angetrieben. Als der Student ihn auf den Verband, den Van Gogh am Kopf trägt, anspricht, erklärt ihm der Meister lapidar, er wollte einmal ein Selbstporträt anfertigen, aber das Ohr sollte ihm nicht gelingen. Also hat er es sich abgeschnitten. Nach diesen Erklärungen eilt Van Gogh davon. Als der Student ihn verfolgen will, gerät er in ein Weizenfeld. Dort hört er das Geräusch einer Lokomotive und sieht im selben Augenblick hunderte von Krähen aus dem Feld aufsteigen. Doch da befindet er sich schon wieder in dem Museum, vor dem entsprechenden Gemälde sitzend...
Episode 6: "Fujiyama in Rot" erzählt von einem jungen Mann, der sich inmitten einer riesigen, in Panik geratenen Menschenmenge befindet. Der Grund für die Panik ist ebenso offensichtlich wie entsetzlich: Das Kernkraftwerk am Fuße des Fujiayama ist explodiert und die Reaktorschäden tauchen den ganzen Berg in ein gespenstisches Rot. Die Menschen versuchen zu fliehen, aber Japan ist zu klein und niemand weiß wohin. Schließlich stürzen sich die Männer und Frauen freiwillig ins Meer, bis auf den besagten jungen Mann, eine junge Frau mit ihren beiden kleinen Kindern und einen älteren in Anzug und Krawatte gekleideten Herrn. Dieser arbeitete in dem zerstörten Kraftwerk und klärt die Anwesenden nun über die verschiedenen Formen und Auswirkungen der austretenden radioaktiven Stoffe auf: Plutonium, Strontium und Cäsium, sie alle wurden durch Farbstoffe sichtbar gemacht. Nun wallen rote, gelbe und violette Strahlenwolken auf die Protagonisten zu. Der Mann aus dem Atomkraftwerk zieht einen schnellen Tod vor und springt von den Klippen ins Meer. Die letzte Einstellung zeigt den jüngeren Mann, der mit seiner Jacke erfolglos versucht, die Radioaktivität von sich und der Frau mit ihren Kindern fernzuhalten...
Episode 7: "Der weinende Menschenfresser" schließt thematisch an "Fujiyama in Rot" an: Die Welt ist tot und verseucht. Ein Reisender sieht sich in der atomaren Wüste um, bis er eine menschenähnliche Gestalt entdeckt, die ein Horn hat. Es ist ein Dämon, ein Mensch, der für seine Sünden bestraft wird, die er im Leben begangen hat: Er ist gezwungen Menschen zu fressen, weil es sonst keine Nahrung mehr auf der Welt gibt. Die Überlebenden fressen einander auf. Es gibt verschiedene Ränge unter den Menschenfressern: Die mit einem Horn haben die geringste Macht und Stärke, und werden zuerst verspeist. Dann die mit zwei Hörnern, schließlich die mit dreien. Allerdings bereiten die Hörner ihren Trägern auch unerträgliche Schmerzen. Je mehr Hörner ein Dämon hat, desto mehr Schuld hat er begangen, desto mehr muss er leiden. Als der Menschenfresser dem Reisenden androht, ihn ebenfalls zu verzehren, flieht dieser einen Berg hinunter. Tiefer und tiefer und tiefer, und unten wartet bereits eine heulende Gruppe von Menschenfressern...
Episode 8: "Dorf der Wassermühlen" handelt von einem idyllischen kleinen Dorf, in das ein Reisender aus einer Großstadt kommt. Dort scheinen alle Menschen glücklich, dort trifft der Reisende auch auf einen alten Mann, der ihm erklärt, dass dieses Dorf keinen Namen habe. Fremde würden es nur "Dorf der Wassermühlen" nennen. Hier leben die Bewohner noch in Harmonie mit der Natur; kein Baum wird gefällt, weil man nur totes Holz zum Heizen verwendet. Elektrisches Licht ist nicht vorhanden, da der Tag hell, und die Nacht dunkel zu sein hat. Und wenn jemand stirbt, so trauert man nicht, sondern feiert den Abschied eines Menschen, der ein glückliches und erfülltes Leben geführt hat. Schließlich steht der alte Mann auf und macht sich bereit an einer solchen Beerdigungsfeier teilzunehmen. Die Tote sei seine erste Geliebte gewesen, erklärt er mit verschmitztem Lächeln. Daraufhin schließt er sich der tanzenden Prozession der Dorfbewohner an. Und der Film endet wie er begann: Mit einer zeremoniellen Feier...
Ima No Yo Wa
Ima No Minori Wo
Kashikomite
Keshiki Okonai
Okonau Na Yume.
(In dieser Welt
sind die Gesetze
dieser Welt
zu befolgen.
Unpassendes
Verhalten ist
verboten.)
So lautet ein japanisches Gedicht, das als Beispiel für den Konflikt "Tradition" contra "Ichbewusstsein", stehen könnte, wie dieser in der ersten Episode, bei der der autobiographische Charakter Kurosawas wohl mit am stärksten ausgeprägt sein dürfte, thematisiert wird. Auch in den anderen Episoden wird dieses Thema immer wieder von neuem aufgegriffen, doch in "Sonne, die durch den Regen scheint" befasst sich Kurosawa vor allem mit der "Kindheit", und dabei wohl nicht nur mit der eigenen, sondern der jedes Menschen. Der kleine Junge - Synonym für Unschuld - ist im Begriff diese Unschuld zu verlieren, weil er das Gesetz einer uralten, japanischen Legende gebrochen hat. Er hat Schuld auf sich geladen und muss lernen mit dieser Schuld zu leben, das heißt Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Dies scheint jedoch nicht so einfach, besonders in Japan, einem Land, das noch immer stark in seinen alten Traditionen verwurzelt ist. Der kleine Junge hat es in seiner "Kindlichkeit" versäumt, die Gesetzte seiner Welt zu befolgen, und die Strafe hierfür ist der Tod! So gibt es sogar im heutigen Japan noch immer Fälle, bei denen der Mörder sein Opfer mit gutem Gewissen umbringt, weil jenes die Traditionen missachtete.[1] Insofern ist es von Kurosawa keineswegs weit hergeholt wenn auch von dem Jungen der Freitod verlangt wird, dieser jedoch versucht, seine Schuld zu begleichen, indem er die Füchse um Vergebung bittet. Oder mit anderen Worten: indem er hinauszieht in die Welt, auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Wie in vielen Mythologien - so auch der japanischen - ist der Tod eines Kindes nicht immer gleichbedeutend mit dem physischen Tod: Oft steht der Begriff Tod dabei auch für den Verlust der Unschuld und somit für den Übergang in eine neue Lebensphase. So zeigt denn auch die letzte Einstellung in "Sonne, die durch den Regen scheint", den Jungen, wie er durch ein blühendes Blumenfeld wandert und dabei dem Regenbogen folgt: Einem Sprichwort zufolge soll man ja sein eigenes Glück am Ende eines solchen Regenbogens finden. Aber an welchem Ende, das erfährt der Zuschauer aus Kurosawas Filmwerk leider auch nicht.
"Der Pfirsich-Garten", die zweite Episode von DREAMS stellt gewissermaßen eine Antithese zur ersten da: Wieder ist der Junge Handlungsträger. Allerdings wird er diesmal einer Tat beschuldigt, die er nicht begangen hat, denn für das Abholzen der Pfirsichbäume sind die Erwachsenen verantwortlich. Die 60 Hinda-Tänzer glauben ja auch schließlich seinen Unschuldsbeteuerungen und belohnen seine Ehrlichkeit: Er darf noch einmal die Pracht der Natur erleben, die von den Erwachsenen zerstört wurde.
So spielt der Einbruch des Menschen in die Natur bei fast allen Episoden des Films eine zentrale Rolle. - Auch in "Der Schneesturm" bricht der Mensch in die Natur ein und wird von ihr (beinahe) dafür bestraft: Die Bergsteiger dringen in das Territorium der Schnee-Fee ein, die sie dafür mit ihren verführerischen Mitteln in den sicheren Tod zu locken sucht. Wieder deutet Kurosawa auf japanische Legenden, denn der Gedanke einer Schnee-Fee, die Reisende in den Tod führen will, ist nichts anderes als das Motiv des Naturgeistes, der Nymphe. So wird in der Einsamkeit der Berge der moderne Mensch mit einem Mythos konfrontiert, der so alt ist wie die Menschheit selbst.
Doch diesmal siegt der Mensch über die Natur: Die Bergsteiger überleben den Angriff der Fee, indem sie sich auf Zähigkeit und Ausdauer besinnen. Warum die Bergsteiger überhaupt in das Gebiet der Fee eindringen, wird zwar nicht geklärt, doch stattdessen deutet Kurosawa auf menschliche Tugenden: Eifer und Forscherdrang, die letztendlich den Sieg über die Natur ausmachen.
Ähnlich wie die erste Episode befasst sich auch die Geschichte "Der Tunnel", mit dem Leben, der Schuld und dem Tod und dabei wiederum mit dem Motiv "Schuld zieht Tod nach sich". Der Hauptmann, der als einziger die Schlacht überlebte, für die nicht zuletzt auch er verantwortlich war, sieht sich in einem langen, dunklen Tunnel - den man durchaus als Metapher für die Abgründe des eigenen Selbst ansehen könnte - mit den Geistern der Soldaten konfrontiert, die er in den Tod geschickt hat. Obwohl die Toten ihn nicht direkt anklagen, spürt man doch die unterschwellige Bedrohung, die von ihnen ausgeht. Verzweifelt klammern sie sich an ihre Erinnerungen, die sie noch vom Leben übrig haben: Statt zu sterben versuchen sie ein Scheinleben zu führen, dass nur aus Versatzstücken besteht. Der Hauptmann versucht sich zu erklären. Weder den Mächtigen, noch der Armee, noch der Unlogik des Krieges will er die Schuld daran geben, dass er seine Einheit in den Tod geschickt hat: Er erkennt seine eigene Verantwortung als Kriegsverbrecher seinen Leuten gegenüber an und versucht nicht sich herauszureden. Eine Entschuldigung lässt er sich auch nicht einfallen, so viel Gerechtigkeit geht zumindest von ihm aus, da jede Form der Entschuldigung auch eine Ausrede beinhaltet, denn das Wort "entschuldigen" bedeutet ja, sich frei von Schuld machen. Dazu ist er nicht fähig. Am Ende der Episode gehen die Toten wieder zurück in den Tunnel, aber sie scheinen ihm nicht wirklich vergeben zu haben, denn als letztes durchschreitet der Hund mit den Handgranaten den Tunnel.[2] Das Tier ist jedoch nicht in der Lage die Sprache oder die Befehle des Menschen zu verstehen und fällt - zumindest hört es sich so an - den Hauptmann an. Symbolisch ist dabei der Tunnel, der dem Betrachter beim filmischen Durchschreiten wie ein Leidensweg vorkommt, so lang wie ein ganzes Leben. So weiß man am Ende nicht, ob der Hauptmann tatsächlich von dem Hund zerfleischt wird, oder ob er von Anfang an nicht lebte und der Tunnel, mitsamt der Erscheinung alter Schuldgefühle, nicht vielleicht sogar der Weg des Protagonisten ins Jenseits war.
In der Episode "Die Krähen" zeigt sich Kurosawas Perfektionismus, aber auch wiederum seine Liebe zur Natur. Die Aufnahmen von Weizenfeldern nach der Ernte, Wiesen im Hochsommer, und vor allem die Einstellung, in der 250 Krähen wie auf Befehl aus einem Feld fliegen, ist an Professionalität kaum noch zu übertreffen. Kurosawa ist es nicht nur als einem der wenigen Regisseure gelungen, impressionistische Farbgefüge und Stimmungen auf die Leinwand zu bannen, es gelang ihm auch eine überaus charmante Hommage an Vincent Van Gogh [3]. Durch die Zwischenschnitte mit einer schwarzen, bedrohlichen Lokomotive während des eindringlichen Monologs des Malers, ist es Kurosawa gelungen, in die Landschaft des Impressionisten Van Gogh die eigene Besessenheit, die sklavische Abhängigkeit von der Kunst bzw. dem eigenen Schaffen, zu projizieren. Dem Kunststudenten bleibt am Ende nichts anderes übrig, als fassungslos im Museum zu sitzen und sich die Gefühle anzusehen, die zu verstehen er ganz offenkundig nicht in der Lage ist. Dies ist besonders interessant, wenn man weiß, dass Kurosawa selbst kurzzeitig eine Kunstschule besucht hat und selber Maler ist.[4]
Gänzlich anders mutet da die Episode, "Fujiyama in Rot" an. Auch hier konfrontiert der Regisseur "Mensch" mit "Technik", stellt den Menschen aber als Sieger dar. Jedoch kann sich dieser seines Sieges nicht so recht erfreuen, da er seinen natürlichen Lebensraum bereits selbst zerstört hat. Die Geschichte sucht dabei nicht nach einem Schuldigen für den Reaktorunfall. Würde sie dies tun, hätte sie ihn schnell in der Figur des Mannes aus dem Kraftwerk gefunden. Denn die Täter sind hier auch selbst Opfer, da sie sich über die Ausmaße ihres Tuns nicht bewusst waren. Sie haben im Gegensatz zu dem Jungen aus der ersten Episode, wie früher üblich, nie gelernt, mit ihrer Verantwortung umzugehen: Der Fujiyama glüht in Rot, aber er wirkt wie eine Filmkulisse, was wohl auch so gewollt ist. Schließlich ist alles nur ein Traum - ein Traum, der weder Anklage sein soll, noch Furcht auslöst.
Ebenso verhält es sich mit dem "weinenden Menschenfresser". Auch hier werden die Leute, die am Zustand der Welt Schuld tragen, nicht kategorisch abgestempelt. Im Gegenteil: Hier versucht Kurosawa unser Mitleid zu erwecken und "Sympathie für den Teufel" aufzubringen. Denn das eigentliche Laster ist nicht Gier oder Korruption, sondern Boshaftigkeit. Erst in der letzten Episode versöhnt uns Kurosawa mit der Welt: Mensch und Natur, Schuld und Sühne werden in Einklang gebracht. Vor dem Tod herrscht keine Furcht, nur Einklang. "Das Dorf an den Wassermühlen" ist denn auch eine Liebeserklärung an das Leben.
Ebenso wie in Kurosawas optimistischem Weltbild Einklang von Leben und Tod, Mensch und Natur, Schuld und Vergebung herrscht, so herrscht auch zwischen den einzelnen Episoden eine Harmonie. Damit ist „Dreams“ einer der wenigen Episodenfilme, die nicht in Fragmente zerfallen, bei denen der Gesamteindruck unter dem bruchstückhaften Charakter einer solchen filmischen Machart zu leiden hat.
“Dreams“ ist das Werk eines einzelnen Mannes; mehr als dies bei anderen Produktionen der Fall ist: Wo Dreharbeiten mehr und mehr zu Teamwork werden, spürt man bei „Dreams“ ganz deutlich die starke, monarchische Hand Kurosawas, die keinen Widerspruch duldet, die nur die Ideen ausführt, die im Kopf des „Kaisers“, wie Kurosawa in Japan genannt wird, entstehen. Man bemerke anbei, dass Kurosawa darauf verzichtet hat, den einzelnen Protagonisten Namen zu geben. Mit dem Begriff „Ich“ unterstreicht er nicht nur den persönlichen Charakter des Films, er erreicht auch eine ähnlich persönliche Wirkung auf den Zuschauer, wie ein Schriftstück, dass in Ich-Form verfasst wurde.
Mit seinem 29. Film erzählt Meisterregisseur Akira Kurosawa (RAN, KAGEMUSHA) acht (geplant waren einmal elf) Träume, die er im Laufe seines Lebens einmal hatte. Die eindringlichen Parabeln auf die Kunst, das Leben und den Tod wurden dabei zu einem sehenswerten Filmerlebnis, einem farbenprächtigen Bilderbogen voller Poesie, der vielleicht nicht jedermanns Sache sein mag, für den anspruchsvollen Cineasten aber ein beeindruckendes Erlebnis darstellen dürfte. „Dreams“ ist ein einfacher und doch hochkomplizierter, sogar philosophischer Film, der mit einem unfassbaren Maß an Technik und Aufwand - mit Hilfe von Steven Spielberg und George Lukas' Effektefabrik ILM - produziert und realisiert wurde, dabei jedoch für den Betrachter immer noch überzeugend wirkt.
[1] So wurde zum Beispiel im Jahre 1988 in einer japanischen Grossstadt ein Mädchen von ihren Mitschülern ermordet, weil sie bei einer wichtigen Schulveranstaltung gefehlt hatte: Sie war erkrankt und hatte in den Augen ihrer Mitschüler somit den traditionellen Zusammenhalt der Gruppe (Schüler) unterwandert.
[2] Es war bei Kriegsführung in verschiedenen Zeiten durchaus üblich, Sprengstoffe an Tieren zu befestigen und sie dann ins feindliche Lager zu schicken.
[3] Dieser wird gespielt von Martin Scorsese, der für diese kurze Szene seinen eigenen Dreh unterbrach und dafür, auf Wunsch Kurosawas, extra nach Japan flog.
[4] Seine Storyboards beispielsweise werden schon jetzt als Kunstwerke gehandelt und erreichen bereits horrende Preise.
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