Sie sind die Meister des kurzen Animationsfilms seit Mitte der Achtziger Jahre. Nach sechzehn Jahren kreativen, filmischen Schaffens wagen sich die Quay Brüder erstmals an einen "Live Action"-Langfilm. Trotz der Länge und der Schauspieler anstatt ihrer bizarren Puppen fügt sich ihr Spielfilm "Institut Benjamenta oder Dieser Traum, den man menschliches Leben nennt" vollkommen harmonisch in das Universum ihre kurzen Arbeiten ein. "Institut Benjamenta" lebt von einer ähnlichen Introvertiertheit und artifizieller mise-en-scène, die schon Meisterwerke wie "Street of Crocodiles" unvergesslich gemacht haben.
Statt der sonst üblichen Porzellanpuppen filmen Stephen und Timothy Quay tatsächlich echte Schauspieler, die allerdings in ihrer betont künstlichen und bewussten Gestik an die Körpersprache von Marionetten oder bewegten Figuren erinnern. Mark Rylance, Gottfried John und Alice Krige wirken ebenso unnatürlich wie ihre ganze Umgebung. "Institut Benjamenta" ist ein surrealer Film, der sich nicht mit der langweiligen Logik der Realität abgibt, sondern in eine fantasievolle Traumwelt eintaucht. Und exakt so wirken die verkörperten Figuren der Schauspieler wirklich wie kafkaeske, poetische Romanfiguren und nicht wie nachvollziehbare homo sapiens. So irreal und entrückt die Welt und diejenigen, die in ihr wandeln, wirken mögen, die Form schmeichelt der ebenso surrealen Geschichte und unterstützt diese.
Basierend auf Romanen und Geschichten des Schweizers Robert Walsers, folgen wir dem jungen Jakob von Gunten, der beschließt sein Leben als Diener zu führen und dafür in die renommierte Schule des "Institut Benjamenta[s]" zu gehen. Die Dienerschule wird von Bruder und Schwester Benjamenta geführt, die anscheinend ein inzestuöses Verhältnis teilen. Die stumpfsinnigen, sich immer wiederholenden Übungslektionen und Schulstunden werden von der fragilen Lisa Benjamenta geführt, während sich ihr Bruder, der exzentrische Johannes, eher im Hintergrund hält. Die Lektionen beinhalten nicht nur das korrekte, ritualistische Herrichten des Tischbestecks, sondern auch eigenartige Übungen, in denen die Dienerauszubildenen ihren gesamten Bewegungsmotor vollkommen unter die Macht der Lehrmeisterin setzen.
Doch in der Schule, in der die Decken zu niedrig sind, als dass Jakob in seinem Zimmer aufrecht stehen könnte, gibt es dennoch einen Lichtblick für ihn: Es scheint eine Anziehungskraft zwischen ihm und Lisa Benjamenta zu geben. Konträr zu dem Entschluss sei restliches Leben als Diener und Unterwürfiger zu verbringen, scheint er eine gewisse emotionale, eventuell erotische, aber auch automatisierte Macht über Lisa zu besitzen, die zwar geheimnisvoll und geschlossen agiert, aber dennoch von Jakobs Präsenz aufgewühlt zu sein scheint. Johannes kündigt sogar an, dass Jakob der letzte Schüler des Instituts sein wird. Aber auch er verfällt dem jungen Mann. Obwohl es Lisa und Johannes sind, die in Jakobs Gegenwart lange, kryptische Monologe führen, schätzt Johannes an seinem Lieblingsschüler dessen Fähigkeit mit ihm einen fruchtbaren Dialog zu tätigen.
Die Welt und Zeit in "Institut Benjamenta" ist nicht bestimm- oder datierbar. In seiner bewusst deutsch-expressionistischen Gestaltung sieht der Film oft aus, wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. Mit Vaseline auf der Linse und mit in nahezu allen europäischen Sprachen ausgedrückten Zwischentiteln erzeugt der Film einen vorherrschenden Anachronismus, der vielleicht am ehesten mit den Filmen von Guy Maddin verglichen werden könnte, wenn man dessen reizüberflutendes Tempo außen vor lässt. Doch die Gebrüder Quay setzen auch ihre berühmten, ruckartigen tracking-shots ein und setzen vorzügliches, sehr kontrastreiches und aufwändiges Licht und bedienen sich somit ganz eindeutig den filmischen Ausdrucksmitteln ihrer Zeit. Und wenn sie dann noch in den Szenen, in denen Jakob in das Innere des Instituts, einer surrealen Fantasywelt, vordringt, ihre Animationskunst einsetzen, dann erschaffen sie ein völlig unfassbares und zeitloses Paralleluniversum ohne Bezug zu unserer Welt.
Am Ende bricht dieses Universum in sich zusammen. Menschen sterben, das Institut wird aufgelöst und manche Mysterien (welche Rolle spielt Kraus?) werden nicht eindeutig beantwortet. Doch dazu war Jakob doch letzten Endes in das Institut eingetreten? War er es nicht, der sich ein untergeordnetes Leben erwünschte und dafür nur praktikable und technische Dinge bezüglich eines Haushalts lernen wollte? Jakob van Gunten war selber nie so neugierig wie der Zuschauer, der gerne mehr als nur den Goldfisch am Ende sehen würde und so ist der zentrale Konflikt von "Institut Benjamenta[s]" doch wohl der, dass sich hier eine Figur auf der Suche nach Rationalität, Einfachheit und Eindeutigkeit in eine Welt des Unheimlichen, des Mysteriums und der Rätsel begab. Protagonist gegen Filmmedium. Letzten Endes gewinnt keiner von beiden, sondern nur der Zuschauer, dessen Vergnügen bei diesem mysteriösen, meditativen Ethergeschehen von Filmkunst wahrlich eine Erfahrung sein dürfte.