In dem 1972 gedrehten Warum Israel setzt sich Claude Lanzmann anhand von Interviews mit israelischen Bürgern verschiedener Herkunft und Vergangenheit mit der Frage auseinander, ob es so etwas wie eine jüdische Normalität in einem jüdischen Staat geben kann, oder ob nicht die Anormalität eines jüdischen Staates jedes normale Leben ad absurdum führt, so legitim der Wunsch nach Normalität auch sein mag.
Der 1925 geborene Lanzmann bezeichnet sich als assimilierter, das europäische Leben gewohnter Jude, dem Religion und Tradition weitgehend fremd gewesen seien. Erst der Antisemitismus habe ihn zum Juden gemacht, nicht sein Jüdischsein. Im Zweiten Weltkrieg schloss sich Lanzmann der Résistance an, überlebte den Krieg und entging im Untergrund der Deportation. Nach Kriegsende studierte er Philosophie in Berlin und begann gemeinsam mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, mit der er eine lange Liebesbeziehung hatte, in Paris die linke Zeitschrift Les temps modernes zu veröffentlichen, deren Herausgeber er heute ist.
Warum Israel sei, nachdem er ein Buch über das gleiche Thema erfolglos zu schreiben begonnen hatte, sein Versuch gewesen, als dem Judentum entfremdeter Europäer den Staat Israel zu begreifen, der als Fluchtort für alle Juden gelten soll, gleichzeitig als Staat mit ‚normalen‘ politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert ist. Das Problem Israels sei, dass der Staat zwar über ein Territorium verfüge, aber weder über die Religion, noch über die identitätsstiftende Erfahrung von Auschwitz sein Fortbestehen sichern kann. Lanzmann inszeniert in seinem Film Mehrstimmigkeit, indem er viele Einwohner unterschiedlichster Berufe zu Wort kommen lässt, er bildet die Heterogenität dessen ab, was Leben in Israel Anfang der Siebziger bedeutete. Es gelingt ihm, dass die Dissonanzen dieser Vielstimmigkeit zum Schluss ein geschlossenes Bild ergeben. Vielfach ist Warum Israel als ‚wichtigster Film über Israel‘ bezeichnet worden. Seine Montagetechnik wurde zur Blaupause für seinen anschließendes Mammutprojekt SHOAH.