Inhalt
"Leolos Welt ist die der Phantasie. Er verwandelt die Wirklichkeit in Lüge. Er glaubt, daß seine Mutter von einer verseuchten Tomate schwanger war, und der Arzt nicht den Mut hatte, ihr das zu sagen. Er ist auch fest überzeugt davon, daß alle in der Familie vom Großvater eine kleine Zelle zuviel im Gehirn abbekommen haben. Deshalb auch der Psychiater. Seine Familie ist ein einziger Alptraum. Da hilft nur noch die Liebe zu Bianca, der Kleinen aus der Nachbarschaft. Wenn es sein müßte, würde Leolo für sie seine ganze, bescheuerte Familie umbringen."
Happy End gibt's übrigens keines, weder im Film noch im wirklichen Leben: Der Regisseur ist 1997 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ...
Review
Das dramatische und gleichermaßen skurrile Familienporträt des kanadischen Regisseurs Jean-Claude Lauzon ist stark vom eigenen Erleben der Kindheit geprägt. So kann der Film als Versuch betrachtet werden, die eigenen Kindheitserfahrungen zu verarbeiten. Ihm selbst gelang es, diesem rauen Milieu zu entkommen. Ein Entrinnen, das dem jungen Leolo verwehrt bleiben soll. Die Umsetzung der Aussichtslosigkeit von Leolos Versuch, die Realität mit der Fiktion in Einklang zu bringen, gelingt durch das gesamte Repertoire der filmischen und stilistischen Mittel.
Die Erzählperspektive ist die von Leolo. Ergreifend sind seine innere Monologe, die mittels Off-Stimme hörbar werden und sehr poetisch Zeugnis von seiner Entfremdung ablegen. Selten gelang es einem Film, mit so wenig Worten so viel Weisheit und Emotion zu transportieren. Neben dem Gebrauch der Sprache, kommt den Metaphern eine wichtige Funktion zu. So spiegelt sich die physische Distanz Leolos in der fiktiven räumlichen Flucht nach Italien wider. Italien als Symbol der Entfremdung. Wesentlich für die Erzeugung von Emotionen ist die Realisierung von Traumwelt und Realität. So scheint die Fiktion realer zu sein als das wirkliche Leben. Dies geschieht durch die skurrile Überzeichnung der Tatsachen. So nimmt etwa das Bemühen des Vaters, Leolos Stuhlgang anzuregen, weil das der Gesundheit diene, einen bizarr großen Raum ein. Zugleich sind die Bilder der Realität in recht erdigen Tönen gehalten, während die Traumwelt in Licht und schillernde Farben eingetaucht wird.
Die beiden sehr unterschiedlich gezeichneten Welten verschmelzen immer wieder. Ein wichtiges Bindeglied nimmt hier die schöne und rassige Bianca ein. Sie bewohnt das selbe ärmliche Mietshaus in Montreal, ist jedoch zugleich Leolos Verbindung zu Sizilien. Auch hier zeigt sich die Distanz auf: Obwohl sie, laut Leolo, nur 5 Meter entfernt ist, bleibt sie doch unerreichbar für ihn. Nicht nur mit dem Verschmelzen von Wahrem und Erträumten wird hier gespielt – immer wieder springt die Handlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. So gibt es in „Leolo“ keinen eigentlichen Handlungsverlauf, sondern es handelt sich viel eher um einzelne Sequenzen, die hier aneinandergereiht werden. Die Trennung von Realem, nicht Realem, Gegenwart und Vergangenheit wird zunehmend komplizierter, wenn nicht unmöglich. So nimmt das Schicksal seinen Lauf, Leolo verfällt selbst dem Wahnsinn und endet wie der Rest seiner Familie in der Psychiatrie. Doch was von der Erzählung wirklich real ist, bleibt dem Zuschauer verschlossen. Ist alles die reine Illusion eines Verrückten? Wie aussichtsvoll ist es, dass Leolo psychisch gesundet? Dem Zuschauer erschließen sich immer neue Möglichkeiten der Deutung.
Der Grundtenor des Filmes ist düster bis depressiv. Die Macht der Bilder und Worte reißt den Zuschauer in eine melancholische Stimmung, die ihn so einfach nicht mehr loslassen wird. Da können auch die Abstecher des Films in das Genre der Komödie keine Linderung bringen. Die skurrilen Momente und der trockene Humor des Filmes unterstreichen die trostlose Realität vielmehr und so manches Mal bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Auch dem tragenden Thema der aufkeimenden Sexualität wird sich mit Hilfe der Komik genähert und auch hier wandelt sich Komisches in Tragisches. So nah liegen Weinen und Lachen bei einander. Selten hat ein Film es so gut verstanden, den Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle zu ziehen. “Leolo” ist ein mutiger Film, der sich über filmische Konventionen hinwegsetzt und den Zuschauer nicht mehr loslässt. Verstört und aufgewühlt bleibt man zurück und hat dennoch den Wunsch, diesen wunderschönen und poetischen Film bald wieder zu sehen. Der kanadische Regisseur Lauzon versteht es, das Publikum zu manipulieren und zu fesseln. Tragischerweise kam dieses Ausnahmetalent viel zu früh bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Fazit: “Leolo” ist ein komplexer Film, den man selbst mit 3000 Wörtern nicht beschreiben könnte. Ein poetisches, fesselndes und zutiefst verstörendes Meisterwerk und ein Muss für jeden Cineasten.
http://www.dvd-forum.at/2047/fi...detail.htm
Weitere Reviews
http://www.filmbesprechungen.de/show.php?FilmID=2031 http://www.filmtipps.at/films/l.../leolo.php