“Oh, yes, I believe in friends, I believe we need them, but if, one day, you find you can't trust them any more, well, what then, what then?”
Danny Boyle hat sich mittlerweile als Regisseur einen Namen gemacht. Wie kaum ein anderer, hat der Brite gezeigt, dass Genregrenzen für ihn nicht bestehen und benutzt auch einzelne Sparten wie Horror („28 Days Later“, 2002), Liebeskomödie („Lebe lieber ungewöhnlich“, 1997) oder Drama („Trainspotting“, 1995) um gesellschafts- und sozialkritische Untertöne an den Mann zu bringen und den Zuschauer auch über den einfachen Konsum des Films hinaus zum Nachdenken anzuregen. Sein Regiedebüt gab er 1994 mit de Film „Shallow Grave“, deutscher Titel „Kleine Morde unter Freunden“ und schon dort zeigte er dieses Talent.
Eigentlich scheinen sie auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen, doch trotzdem sind der chaotische Journalist Alex (Ewan McGregor), der biedere Buchhalter David (Christopher Eccleston) und die lebenslustige Ärztin Juliet (Kerry Fox) die besten Freunde. Zu dritt teilen sich die Endzwanziger eine schicke und große Yuppie-WG, vierter Mitbewohner gesucht. Doch die Suche erweist sich als gar nicht so einfach. Die drei Freunde haben nämlich Ansprüche, und ihr Mitbewohner muss perfekt in ihre Psycho-WG passen. So wird auch ein Kandidat nach dem anderen beim Aufnahmetest mit blöden Fragen verballhornt und als untauglich der WG verwiesen. Bis man auf Hugo (Keith Allen) trifft. Er wird aufgenommen, doch liegt er leider schon tags darauf splitternackt und mit einer Überdosis Drogen im Blut tot auf seinem Bett.
Das Ganze entwickelt sich erst zu einem richtigen Problem, als die drei bei Hugo einen Koffer finden. Dieser ist voller Geld. Nachdem der anfangs skeptische David umgestimmt ist, beschließen die Freunde das Geld zu behalten und Hugo zu entsorgen. Damit er nicht identifiziert werden kann, werden Hände und Füße abgetrennt, die Zähne gezogen, und das Gesicht zertrümmert.
Doch während zwei brutale Killer auf der Suche nach Hugo und dem Geld vor nichts zurückschrecken, macht sich bei den drei Freunden erste Missstimmung breit. Alex und Juliet geben das Geld mit beiden Händen aus, während David daran zu knabbern hat, dass er aufgrund eines Losentscheides die „Arbeiten“ an dem toten Hugo durchführen musste. Eines Tages rastet er aus: Da er seinen Freunden nicht mehr vertraut, schnappt er sich das Geld und verbarrikadiert sich auf dem Dachboden der Wohnung. Durch in den Boden gebohrte Löcher beäugt er argwöhnisch seine einstigen Gefährten. Als die beiden Killer auftauchen, müssen Alex und Juliet endgültig erkennen, wie sich ihr einst so zurückhaltender Freund verändert hat. Kaltblütig metzelt er beide Killer nieder. Ein letztes Mal machen die drei Freunde etwas gemeinsam: Die beiden neuen Leichen werden auf die gleiche Weise wie die erste entsorgt. Doch spätestens als die Polizei die drei Leichen findet, und dem Trio auf die Spur kommt, ist die Freundschaft nicht mehr zu retten. Jeder überlegt nur noch, wie er überleben und sich retten kann.
Die Story von Freunden, die unerwartet und nicht ganz legal zu Geld kommen und deren Freundschaft daran zerbricht, war auch 1994 nicht gerade neu. Trotzdem unterscheidet sich das Erstlingswerk von Danny Boyle in einigen Punkten erheblich von ähnlichen Filmen. Boyle und sein Drehbuchautor John Hodge (der danach für drei weitere Boyle Filme das Drehbuch schreiben sollte) leiten den Zuschauer mit den auf den ersten Blick klischeetypischen Charakteren in die Irre und verknüpfen zudem hervorragenden schwarzen Humor und Thrillerelemente.
Boyles großes Talent erkennt man vor allem an seinen Bildkompositionen. Wohl auch aufgrund des niedrigen Budgets auf fast nur einen Schauplatz (die WG) beschränkt, leuchtet er diese wenigen Räume gemeinsam mit seinem Kameramann Brian Tufano aus immer neuen Blickwinkeln aus. Man wird stets aufs Neue überrascht durch die Platzierung der Kamera und das Ganze ist auch nicht nur eine technische Spielerei, sondern wertet die Atmosphäre der einzelnen Szene auf. Dazu kommen bei den wenigen Außenaufnahmen brillante Kamerafahrten. Allein die Eröffnungssequenz ist in dieser Hinsicht schon ein Augenschmankerl.
Man merkt dem Film natürlich sein niedriges Budget an und die Tatsache, dass Boyle für den Dreh nur knapp einen Monat Zeit hat. So lässt Boyle in dem wendungsreichen
Plot jegliche größere Nebenhandlung beiseite. Wie zu erst die Killer und dann die Polizei auf die Spur der drei Freunde kommen, wird nur angedeutet, aber nie explizit ausgeführt und passiert bisweilen etwas plötzlich. Doch dies stört kaum, da diese kleinen Schwächen geschickt durch die Geschichte vertuscht sind.
So ist „Kleine Morde unter Freunden“ insgesamt nicht weniger sehenswert als Boyles andere Werke. Ein gelungener Mix aus schwarzer Komödie mit zahlreichen witzigen Dialogzeilen, Psychodrama mit gesellschaftskritischen Subtext und Thriller mit unglaublich hoher Spannung. Schon viel mehr als ein Geheimtipp und auf jeden Fall sehenswert.
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