Inhalt
Ein Wochendausflug wird zum Horrortrip für das Ehepaar Corinne (Mirelle Darc) und Roland (Jean Yanne). Eigentlich wollen die beiden nur ihre Ehe retten, doch dann beschließen sie aus reiner Geldgier, Corinnes Eltern zu ermorden. Hass und Wut beginnen unter der harmlos erscheinenden Oberfläche zu brodeln, sogar die Autobahn wird zum Kriegsschauplatz. Die Situation spitzt sich zu, die Nerven liegen blank, bis am Ende die Frau ihren Gatten als Fleischeintopf verspeist.
Review
"Week End" ist nicht ein Film über das Ende einer Woche. Nein. Am Ende dieses Wochenendes steht das Ende des Kinos. Ultimativ und absolut. Warum ein einziger Film von sich behaupten kann, das Vorbeisein des Kinomediums darzustellen, zeigt uns Jean-Luc Godard in seinem ambitioniertesten Film.
Von Anfang an ist "Week End" Terror, Missgunst und –trauen. Das Ehepaar Corinne und Roland (Mireille Darc und Jean Yanne) will zu dem Vater der Frau aufs Land fahren, um sich endlich der Erbschaft, deren Ausschüttung sie durch konstantes Vergiften des Mannes beschleunigen wollen, zu sichern. Dass beide schon anderweitige Pläne haben, die aufgrund außerehelicher Aktivitäten entstanden sind, ist klar. Hier ist jeder gegen jeden. Doch ihre Fahrt von Paris nach Oinville gerät zum Horrortrip. Als sie in einen mehrstündigen Stau geraten, kippt der Film endgültig in ein essayistisches, surreales Bombardement voller Ideen, Konzepte und Parolen, die mit der ersten der vielen, immer im blau-weiß-rot der französischen Flagge gehaltenen Texttafeln übereinstimmen: "Week End" ist ein "Film verirrt im Kosmos". Im Kosmos des aufgebrochenen Mediums.
Der besagte Stau ist nicht nur die wohl meist zitierte Szene aus "Week End", sondern gilt gleichzeitig als die längste Kamerafahrt der Filmgeschichte: Über sieben Minuten lang fährt die Dollykamera horizontal an einer unaufhörlichen Kolonne an stehenden Autos vorbei. Corinne und Roland sind jedoch in Eile und versuchen, wo es geht, zu überholen. Sie fahren an skurrilen Szenerien vorbei: Innerhalb des Staus stehen Autos unerklärlicherweise verkehrt herum, die Fahrer sind ausgestiegen und spielen Schach, werfen sich Wasserbälle zu oder wandern am Wegesrand vorbei. Andere PKW-Fahrer beschimpfen sich gegenseitig, wenn sie sich nicht gerade an dem lauten Hupkonzert beteiligen, in das ein jedes der beteiligten Autos quäkenderweise einzustimmen scheint. Godard entnervt seine Zuschauer hier bewusst, kreiert hier aber schon eine gigantisch-symbolische Szenerie: Die Autos sind ebenfalls in der Reihenfolge der französischen Trikolore aufgereiht, und werden nur von einem kapitalistischen Megalomanen unterbrochen: Als die Kamera einen Shell-Tanker passiert, wird sie bewusst langsamer. Am Ende des Staus sehen wir ein Szenario, das uns fortan den ganzen Film begleiten wird: Ausgebrannte Autowracks stehen am Straßenrand, Leichen liegen blutüberströmt daneben, andere Wagen sind kopfüber auf dem Asphalt gelandet. Ein apokalyptisches Chaos, dem die Polizei anscheinend gar nicht Herr werden will.
Nach dem Passieren des Staus sind die Landstraßen Frankreichs andere geworden: Die Zivilisation scheint ausgelöscht zu sein, und Corinne und Roland stapfen nun mehr durch eine den mörderischen Kommerz anklagenden Endzeitvision, in der die Straßen nicht mehr durch geschäftig fahrende Autos blockiert werden, aber von Auto- und Personenleichen, die überall gestapelt und aufgesammelt an den Wegesrändern zu finden sind.
Jede Auseinandersetzung in "Week End" kulminiert in dreckig artikulierter Verachtung. Wenn zu Anfang ein frecher Nachbarsjunge in Indianerverkleidung Roland keck nach der Marke seines Autos fragt, reagiert der mit Tritten und wenig vorbildlichen Beschimpfungen. Da der Junge nicht aufhört sich über das Ehepaar lustig zu machen, rammt Roland das Auto der Erziehungsberechtigten, worauf diese wild um sich schießend aus ihrem Haus rennen. Aus jedem Konflikt entsteht Gezeter, Beleidigung und körperliche Gewalt. Später im Film fährt das Ehepaar an einem Autounfall vorbei. Ein Traktor hat die amerikanische Luxuslimousine eines Yuppies angefahren. Der Junge ist tot und liegt mit Sonnenbrille in Playboypose in seiner eigenen Blutlache. Seine lebendige Freundin beklagt den Verlust des schicken Autos und schwört den Klassenkampf gegen den einfachen Bauern hervor. Beide verbrüdern sich mit einem Mal, als das Ehepaar sich weigert zu helfen, und schreien den davonfahrenden "Helden" des Films nach, sie seien "dreckige Juden".
Auch der Film existiert fortan nicht mehr in seinen Grenzen: Als Corinne und Roland in einem Wald auf Emile Bronte und Tom Thumb, zwei Charaktere aus der Literatur, treffen, bemerkt Roland, dass der Film langweilig sei und er keine Lust mehr auf ihn habe. Corinne fragt ihn darauf: "Warum hast du denn dann die Rolle angenommen?" Da Emile Bronte in ihrer eigenen "Film-im-Film"-Welt lebt, ist sie dem Paar per pedes nicht in der Lage ihm den korrekten Weg zu deuten. Aus Wut verbrennen sie Emile einfach. Zuvor wurde das Ehepaar durch Pistolengewalt dazu gezwungen den Anhalter Joseph Balsamo mitzunehmen, der verkündet, das grammatikalische Zeitalter hätte bald ein Ende. Als Beweis für seine Göttlichkeit zaubert er ein Kaninchen in das Handschuhfach des Autos und stellt die Erfüllung aller Wünsche von Corinne und Roland in Aussicht, wenn sie ihn nur nach London fahren würden. Doch die verkommerzialisierten Wünsche der beiden habgierigen Menschen interessiere Balsamo nicht und es kommt zu einem Handgemenge, bei dem auch die Pistole ihren Besitzer wechselt. Prügelnd steigen Corinne, Roland, Balsamo und dessen Freundin aus dem Auto aus. Sie landen auf einem Feld voller Autowracks, doch als Balsamo die Waffe wieder an sich reißen kann, verwandeln sich die zerschrotteten PKWs zu einer Schafherde. Die Chance durch eine Gottheit oder zumindest einer gottgleichen Erscheinung mit Zauberkräften belohnt und erlöst zu werden, nehmen die beiden vom Hass und Gier zerfressenen Gestalten nicht wahr, sondern müssen weiterhin durch zur Hölle gewordenen Erde wandeln.
Es reihen sich immer mehr verblüffende, irrationale Szenerien aneinander, die durch Godards ständig in der Horizontale ausschweifende Kamera in der filmischen Bildrealität der Lüge und der gewollten Inszenierung überführt werden: Sie treffen auf eine historische Figur (Jean-Pierre Léaud) aus der Französischen Revolution, die den Gesellschaftsvertrag von Rousseau vorliest, ein Poet (ebenfalls Léaud) singt in ein Telefon und kann sich der Übernahme des Autos durch das Paar erwehren. Ein wieder anderes Mal stellt ein Komponist seinen Flügel in bäuerlicher Umgebung auf und während er Mozart intoniert (auf einem mit Product Placement-artiger Werbung beklebten Flügel), reflektiert er über die klassische Musik und ihre Bedeutung in den populären Hitparaden. Die Ideen, die der Pianist hat, sind für Godard ebenso auf das kommerzielle Kino zu münzen.
Nachdem das Ehepaar nicht länger zu Fuß ihren Weg nach Oinville fortsetzen will, versuchen sie sich als Anhalter, werden aber von den Autofahrern zumeist wegen ihrer politischen Ansichten links liegen gelassen. Erst als sich Corinne breitbeinig und unbekleidet auf die Straße legt, nimmt sie die Müllabfuhr mit. Als diese eine Pause macht, um zu speisen, kommt es zu der radikalsten unfilmischen Szene von "Week End": Die beiden Fahrer sprechen – ohne ihre Lippen zu bewegen – während sie Essen über die Zustände in Dritte Welt Ländern, Ungerechtigkeiten gegenüber der Arbeiterklasse und Rassismus. Der gewaltige Monolog wird untermalt mit kurzen Einblendungen bereits gesehener oder noch folgender Szenen.
Schließlich werden Corinne und Roland wie geplant in Oinville zu Mördern, enden aber auf ihrer Rückreise als Gefangene einer karnevalistischen Guerilla-Gruppe. Hier tritt der aus dem Nichts erzauberte Hase (als gehäuteter Leckerbissen für die radikalen Waldbewohner) und das Mädchen von dem Unfall mit dem Yuppiewagen wieder auf. Keine der folgenden Szenen ist schön oder unterhaltend anzusehen: Wir werden Zeuge echter Tiermassakrierungen, bei Handlungsszenen bleibt die Kamera ungenau auf Distanz und kommt den Figuren nur nahe, wenn ein Menschenkoch Eier und Fische zwischen die gespreizten Beine eines nackten Mädchens legt. Zum Finale hin kostet die zur Guerillabraut pervertierte Corinna Menschenfleisch. Als sie von ihren Ko-Kannibalen erfährt, dass ihr Mahl unter anderem auch das Fleisch ihres Mannes enthält, verlangt sie mit animalischer Gleichgültigkeit mehr aus dem Topf zu bekommen.
Ende der Geschichte. Ende des Kinos. So sagen es uns die letzten Titel dieses gewaltigen Films. Hier wurde jedes Tabu auf inhaltlicher, formaler und Metaebene gebrochen und ad Absurdum geführt. Ein Film über Maoismus, Kannibalismus, dem perversen Konsum der Bourgeoisie, über Gotteslästerung und Kino. Ein einzigartiges Erlebnis, das in seiner gesamtheitlichen Ablehnung der Gesellschaft und ihrer Werte ein Aufbegehren gegen den Krieg der Kapitalisten in Vietnam darstellt. Voller kulturphilosophischer und direkter filmischer Anspielungen gerät "Week End" zu einem in seiner Perfektion kaum fassbaren Trip, der für Godard wie ein letztes, aggressives filmisches Statement konzipiert worden ist. Erklärt er mit dem Ende von "Week End" auch das Ende des Mediums an sich, so endet für ihn vorerst seine Reise durch die Nouvelle Vague. Ein kritischer, satirischer, analytischer, experimentelles, schwarzhumoriges, alptraumhaftes Road Movie ohne Respekt für filmische und traditionelle Konventionen. "Week End" ist Godard in Reinform und somit ein abenteuerlicher Trip in die Welten jenseits filmischer Grenzen.
http://www.mitternachtskino.de/...%20End.htm