"Sieben sind einfach zuviel. Sieben sind in gewisser Weise und in 1000 Situationen zuviel. ... Man kann ja nicht sieben Kinder gleichzeitig lieben. Das ist gar nicht möglich. Man muss schon einteilen." (Dieter Hufschmidt, aus dem Trailer des Films)
Diese Einschätzung von einem der sieben Hufschmidt - Brüder umreißt das Spannungsfeld, in welchem sich Sebastian Winkels' großartige Dokumentation bewegt. Sieben Brüder, zwischen 1929 und 1945 in Mülheim geboren, erzählen aus ihrem Leben, von ihrem Verhältnis zueinander, den Erfolgen und Fehlschlägen in der Schule und natürlich den prägnanten Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges, den sie als Kind miterlebten. Winkels' nicht zu unterschätzende Leistung ist es, diese "einfache" Erzählstruktur in eine angemessene dokumentarische Form umzusetzen. Wie schnell hätte es passieren können, dieses interessante Thema filmisch zu verwässern - angereichert mit Archivbildern, aufgewertet durch einen Off - Kommentar, zerstückelt durch unnötige Schnitte.
Winkels verzichtet auf diese Finessen und vertraut der Kraft der freien Rede. Alle Brüder, angefangen bei Klaus, dem Ältesten, bis zu Jochen, dem Nesthäkchen, sind wahre Rhetorik - Meister, denen man stundenlang zuhören könnte. Alles ist frei gesprochen, Fragen wurden keine gestellt. Winkels wollte vermeiden, dass sein Film, mit "geantworteten" Texten arbeitet und somit ein Teil der Natürlichkeit verloren ginge.
Gedreht wurde in einem Filmstudio an sieben aufeinander folgenden Tagen. Jedem Bruder blieb jeweils ein Tag Zeit, um sein Leben zu rekapitulieren. Das Interieur des Erzählraumes reduzierte man auf das nötigste: ein Stuhl, ein schwarzer Hintergrund, ein schwarzweiß gemusterter Fußboden. Während der Dreharbeiten sind sich die Brüder nie begegnet, das kollektive Erinnern, welches sich dem Zuschauer nun im fertigen Film vermittelt, ist ein Resultat der Montage. Die dogmatische Strenge während der Produktion und auch im Vorfeld - die Brüder und der Regisseur haben nicht vorher abgesprochen, worüber erzählt wird - ist keine manieristische Extravaganz, sondern vermutlich der einzige Weg, eine möglichst ungezwungene Erzählsituation herzustellen.
In der Tat ist das Ergebnis verblüffend. Man merkt trotz der Unterschiede und Eigenarten, dass die Brüder eine eingeschworene Gemeinschaft sind. Obwohl man sich auch gestritten hat - Jochen, der "Kleine" wurden lange Zeit von seinen älteren Brüdern als Belastung empfunden - zweifelt man keinen Augenblick an der aufrichtigen Geschwisterliebe. Die Eltern hätten sich seinerzeit gern ein Mädchen gewünscht, es sind sieben Jungen geworden. Im Nachhinein, so einer von ihnen, ist man froh, dass es so gekommen ist. Man wäre auch nicht bereit gewesen, einen der geliebten Brüder gegen ein Mädchen einzutauschen. Gibt es einen schöneren Beweis für die Verbundenheit der Sieben?
"Sieben Brüder" changiert zwischen zwei Ebenen. Schon die eine, die familiär- persönliche, würde genügen, um von einem guten Film sprechen zu können. Diese Ebene bietet dem Zuschauer ausreichende Anknüpfungspunkte - z. B. das Gefühl, der Jüngste oder der Älteste von Geschwistern zu sein - um die auf der Leinwand beschriebenen Situationen auf die eigene Lebenswirklichkeit zu projizieren. Die zweite Ebene, die historische, lässt "Sieben Brüder" zu einem außergewöhnlichen Zeitzeugnis werden. Die älteren Brüder - Klaus, Hannes, Wolfgang und Dieter - sind im Dritten Reich groß geworden und wurden durch die nationalsozialistische Schule, Paraden, Bücher, Kinderlieder etc. sozialisiert. Ihre Kindheitserinnerungen sind mit dem Nationalsozialismus und dem Krieg eng verschmolzen. Ehrlich bekennt einer von ihnen, dass er ein Nazi - Junge war. Nicht aus wirklicher Überzeugung, sondern weil man sich nichts dabei gedacht hat, Lieder mit antisemitischem Text zu trällern. Man wußte nicht, wovon man sang.
Die Kinderlandverschickungs - Lager, eine Maßnahme, um die Kinder vor den anrückenden alliierten Truppen in Sicherheit zu bringen, habe man als aufregendes Abenteuer wahrgenommen. Nur Kinder bzw. Kindheitserinnerungen sind imstande, Unbegreifliches oder Schreckliches in klaren, unverfälschten Worten wiederzugeben. Die Erinnerungen an das letzte Kriegsjahr, an die Stunde Null in Mülheim und den Wiederaufbau gehören zu den eindringlichsten Szenen in "Sieben Brüder", weil ein bis heute dunkles Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte erhellt wird. Verwundert registrierten die Hufschmidts, dass sie nach dem Krieg von den gleichen Lehrern unterrichtet wurden, die ihnen zuvor das nationalsozialistische Gedankengut eingeimpft haben.
Die Kindheit im Dritten Reich und in der Nachkriegsgesellschaft ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem breitgefächerten Themenkanon des Films. Erzählt wird auch von der Beziehung zu den Eltern, den unterschiedlichen beruflichen Werdegängen, von gescheiterten Träumen und plötzlichen Sinneswandlungen in der Karriereplanung. "Sieben Brüder", Winkels' Abschlussfilm an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam, ist der Glücksfall einer Dokumentation: ein einzigartiges Kinoerlebnis - puristisch in der Gestaltung, reich an Erinnerungen. Unbedingt anschauen!
http://www.cinefoyer.de/sieben....ieben.html