Selbst in Werner Herzogs bereits sehr umfassendem Schaffensarchiv stellt dieser Film etwas sehr Besonderes dar. Wer hier einen konventionellen Hollywoodfilm erwartet, dem sei gesagt, daß aus Herzogs Regiearbeiten krude Meisterwerke wie "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner" oder auch "Auch Zwerge haben klein angefangen" entstanden sind. "Herz aus Glas" lässt sich nicht oder nur schwerlich in Kategorien fassen. Selbst Herzog bekennt im Audiokommentar, daß der Film noch jetzt ganz sonderbar auf ihn wirke und schwer zugänglich sei. Letzten Endes sehe ich in ihm eine Mischung aus Herzog-typischen Dokumentarfilmelementen, Anklängen des Heimatfilms und
bedeutungsschwangerer Dramatik. Es hätte auch keinen Sinn, diesen Film in irgendein Genre (ausgenommen dem Autorenfilm) zu pressen. Herzog gefällt sich darin, "Filme machen" als eine Art cineastischen Symbolismus zu betreiben. Alles ist vor allem auf der Ebene von Bildern und Symbolen aussagekräftig. Das macht gerade diesen Film aus ästhetischer Sicht so interessant.
Da Herzogs Filme selten über die dargebotene Dramatik den Zuschauer fesseln, ist der Inhalt des Filmes schnell zusammengefasst: In einem niederbayerischen Dorf des 19. Jahrhunderts, das durch die ortsansässige Glashütte zu einigem Wohlstand gelangte, bricht über Nacht das Unglück herein. Der wichtigste Vorarbeiter der Hütte stirbt, ohne das Geheimnis des "Rubin-Glases" zu
hinterlassen. Ohne das Rubin-Glas ist die Glashütte nur ein Handwerksbetrieb von vielen und verliert seine überragende Bedeutung. Um das verlorene Wissen zurückzuerlangen, bestellt der Hüttenbesitzer den einsiedlerisch lebenden Hellseher Hias zu sich, "auf daß er ihm den Rubin zurückbringe". Doch Hias sieht nur Apokalypsen und Katastrophen, die die kriegerischen
Auseinandersetzungen des kommenden Jahrhunderts heraufbeschwören ...
Um eine entrückte Atmosphäre zu schaffen, spielen alle Schauspieler bis auf Josef Bierbichler und die Glasbläser (die tatsächlich als solche in der gefilmten Hütte Aisch im Bayerischen Wald tätig waren) unter Hypnose. Dies merkt man den Darstellungen nur allzu deutlich an. Die Langsamkeit ist in diesem Film wiedererfunden worden!
Die musikalische Begleitung durch die Ethnogruppe Popol Vuh und das Studio der frühen Musik sind herausragend. Zusätzlich zu den Bildern erschaffen die Klangwelten eine hypnotisierende Atmosphäre. Als besonders gelungen ist auch die Kamerarbeit von Schmidt-Reitwein zu bewerten, der dem Film durch seine intelligente Bildkomposition und Ausleuchtung seinen ganz eigenen
Stempel aufdrückt.