Wenn die alten Mythen nicht mehr wirken, dann laßt uns einfach neue dichten. Diese Idee hat Tradition in der Geschichte des Erzählens. Noch vor den Frühromantikern hat auch schon Goethe in seinem dunklen "Märchen" Pionierarbeit in Sachen kryptischer geschichtsphilosophischer Sinnstiftung gesleistet. Bekannt ist natürlich der Wagnersche Größenwahn der Oper als mythischem Weihefestspiel. Und auch im Jahrhundert der Psychoanalyse ziehen mythologische Denkfiguren - nunmehr in der objektivierenden Form von Träumen und tiefenpsychologischen Symbolismen. Damit haben auch Erzählungen wie Carrolls heitere "Alice im Wunderland" eine mythologische Tiefendimension.
In den 70er Jahren wurde die strukturalistische Analyse des mythischen, des "Wilden Denkens" Mode. Louis Malle hat das Buch von Lévi-Strauss gelesen. Dann hat er eines Nachts etwas geträumt und nächsten Morgen beschlossen, den Traum zu verfilmen. Das Ergebnis, der Film "Black Moon" von 1975, war immerhin so erfolgreich, daß er in die Vita des Regisseurs in Meyers Großem Taschenlexikon Jahrgang '81 aufgenommen wurde. Jetzt kommt er in restaurierter Fassung in den Verleih.
- Malle wollte mythisch werden. Aber eine Illustrierung des Begriffes "Mythos" allein ist leider noch keine tragfähige Filmidee, die uns - die wir an Malles Psyche unbeteiligt sind - anderthalb Stunden vor die Leinwand fesseln würde. "Black Moon" erzählt in Traumlogik die Fährnisse eines Mädchens, das aus seiner schlimmen Zukunftswelt auf märchenhafte Weise in das Sterbehaus einer rätselhaften alten Dame gelangt. Die wird von der wohl berühmtesten deutschen Theaterschauspielerin gespielt, von Therese Giehse, der Malle diesen Film gewidmet hat - ihren letzten übrigens. Er ist, weiterer verquerer Bezug auf die biographische Wirklichkeit, im Wohnhaus des Regisseurs und drum herum gedreht, in der struppigen Landschaft des Causse.
Was zunächst als aufmerksam gefilmte Studie über Krieg und Natur beginnt, mutiert denn auch zur reichlich willkürlichen, weil reichlich privaten Aneinanderreihung von emblematischen Miniaturen im mythologischen Stil von "Alice im Wunderland". Dies geschieht, sobald das Mädchen im Malle'schen Wunderhaus angelangt ist. Die junge Lily (Cathrin Harrison) steht offensichtlich in Alicens Nachfolge: sie ist faszinierend naiv und immer staunend, dabei mädchenhaft trotzig. Ein junges Ding auf Entdeckungsreise in die eigene Pubertät und das, was danach kommt - diese Deutungsfolie und ihr psychoanalytischer Rattenschwanz sind mit Alice aufgerufen. Und gemäß dem brillanten Vorbild scheint beinahe jede Einstellung symbolisch aufgeladen. Die Kraft der Bilder verblaßt aber leider häufig, weil das Original durch sie hindurchscheint.
Malle hat sich im Vorrat seiner Lieblingsmythen bedient und alles gut geschüttelt. Aus diesem willkürlichen Arrangement einen tieferen Sinn zu klauben, mag selbst fleißigen Seminaristen müßig erscheinen. Die ja alle "Alice im Wunderland kennen". Und Wagner sowieso, der von Malle noch ausführlich bemüht werden wird. Doch Wunderland ist abgebrannt. Malles Traum beginnt in einer Welt, in der Männer und Frauen gegeneinander Krieg führen. Vor den überreal dargestellten Schußwechseln flüchtet sich Lily in einem Honda Civic der ersten Generation ihren Weg durch die französische Provinz. Von einer Division Männer als Frau enttarnt, rast sie querfeldein durchs Unterholz. Zunächst inspiziert sie dort die Insekten-Ureinwohner, zur surrealen Einstimmung. Dann gelangt sie auf märchenhaften Pfaden ins filmisch verwunschene Landhaus des Louis Malle.
Und hier wartet schon der Zoo seiner mythischen Phantasie. Dazu gehört als erstes das Einhorn, dem sie nachgelaufen ist. Es ist nicht schön und weiß, sondern ein fettes dicklippiges Pony - Malle hat durchaus Humor. Den Pfad kreuzen nackige Kinder, die kichernd eine Sau vor sich her treiben. Sie werden immer wieder mal durchs Bild hüpfen. Gegenspielerin des Einhorns ist die alte Dame, die das Haus bettlägerig bewohnt. Die beiden liegen im Clinch: entweder ist das eine real oder die andere - je nachdem, ob sie gerade Lilys Aufmerksamkeit haben, die sie deshalb zu gewinnen versuchen.
Die Dame, sie erinnert übrigens an Carrolls Herzogin, widmet sich ansonsten einem Funkgerät oder unterhält sich mit einer Beutelratte, deren exotische Sprache sie fließend spricht. In ihrem Krankenzimmer klingeln mit einem Mal unzählige Wecker, und immer wenn Lily-Alice einen abschaltet, klingelt der nächste. Klingeling - Es ist an der Zeit! "Black Moon" habe auch das Sterben zum Thema, zu dem die alte Frau nicht bereit sei, so Malle. Auf dieser nicht gerade komplexen Komplexitätsebene geht die Verrätselung weiter. Als Lily - Achtung, Mutterschaftssymbol ! - nach der Milch greifen will, protestiert ein Ferkel im Kinderstuhl: "Meine Milch". Wiederum ein Gastauftritt aus Wunderland: das Schwein-Baby.
Das unheimlich-heimlich heimatliche Heim beheimatet aber noch weitere Bewohner. Und zwar ein junges Geschwisterpaar, das vermutlich die "Tristan und Isolde"-Anspielungen vorbereiten soll, die Malles Film dann endgültig ins Krude abrutschen lassen. Die kleinen Kinder - genau, die mit der Sau - versammeln sich nämlich bemalt und verkleidet im Rittersaal und singen sich gegenseitig die ekstatischsten Stellen aus dem zweiten Akt der Oper vor. "Unbewußt - höchste Lust". Damit ist die Pubertät dann wohl abgeschlossen.
Zumal Lily dann schließlich das Stillen lernt. Zunächst wurde sie nämlich von der schrägen alten Dame noch als flachbrüstig verlacht. Später, nach etwas Schmusen mit dem Bruder, hat sie dann seine Schwester neidisch beobachtet, wie diese die plötzlich vor Hunger kindlich sabbernde Alte säugt. Schlußendlich knöpft Lily selbst die Bluse auf, um Therese Giehse die Brust zu bieten. Mit der triumphalen Ankündigung einer weiteren, diesmal aber sodomitischen Säugeaktion endet der Film bald darauf. Nicht daraus schlau geworden? Ich auch nicht. Und ich habe auch gar keine Lust, im Handbuch der psychoanalytischen Grundbegriffe nachzuschlagen. Gelungene Mythologeme zeichnet die zwingende Geläufigkeit aus, mit der sich die halbrationale Handlung in uns bohrt. So ist es in Goethes "Märchen", so ist es bei Alice im Wunderland. So ist es nicht bei Louis Malle.