Im Laufe der Jahre hat das französische Kino immer wieder Filme hervorgebracht, die ihre belanglosen Geschichten auf frappierende Weise durch brilliante Visualisierung in den Himmel hoben. Begonnen hat es Anfang der 60er Jahre mit der ´Nouvelle Vague´, die altbekannte Sehkonventionen umkrempelte und die Kamera zu einem aktiven Werkzeug, sogar zum Hauptdarsteller der Erzählung machte. Nachdem die Epoche gegen Ende der 60er fast komplett abgeklungen war, dominierten wieder Regisseure, die sich dem hollywoodähnlichen Erzählstil der ´unsichtbaren Regie´ widmeten und jahrelang die Kinos erfolgreich mit anspruchslosen Komödien oder Kopien der amerikanischen Agenten- und Actionfilmmuster fütterten. Erst zu Beginn der 80er Jahre, als die Popkultur überall in einer kleinen Trendwende zu mehr Extrovertiertheit steckte, schälte sich eine neue Generation von Filmemachern heraus, welche sich auf die alte Tugend besann, eine Geschichte mit expressiven Bildern zu erzählen. Jean-Jacques Beineix´ ´Diva´ von 1981 bildete nur eines der vielen Kettenglieder, an denen sich andere Filme mit vergleichbarer Inszenierung anhängten. So sind Luc Besson´s ´Subway´, Leo Carax´ ´Boy Meets Girl´ oder auch Beineix´ zweiter Film, das Beatrice Dalle - Vehikel ´Betty Blue´, die konsequente Weiterführung des bestechenden ´Hochglanz´-Stils von ´Diva´. Während diese Nachfolger jedoch fast nur auf opulente Optik setzten und die Storys immer belangloser wurden, gelang es Beineix in seinem Debut, die Kamera selbst als aktiven Erzähler zu integrieren.
Es ist Geschichte vom jungen Postfahrer Jules (Frédéric Andréi), der in einer umgebauten Fabrikhalle ein recht frugales Leben führt und sich durch die Liebe zur klassischen Oper erheblich von seinen Altergenossen unterscheidet. Besonders die ergreifende Stimme der amerikanischen Black-Diva Cynthia Hawkins (Exotisch: Wilhelmenia Fernandez) treibt ihm Rührungstränen in die Augen. Doch es gibt einen grossen Haken, der ihm sein Leben als Fan unglaublich erschwert. Mit den Worten: ´Der Kommerz hat sich der Kunst unterzuordnen und Bootlegs sind Vergewaltigung!´ verbietet die Schönheit jegliche Aufnahmen ihrer Gesangskunst. Diesen Umstand beseitigt Jules gleich zu Beginn, als er die Diva in einem alten Theater bei einer ihrer Darbietungen heimlich auf Band aufnimmt. Bereits hier wird die wahre Intention des Films klar. Die detailreichen Motive und ausgeklügelten Kamerafahrten erzählen zusammen mit dem feinen Score die eigentliche Geschichte und zeigen, ohne allzu hektische Schnitte, die ganze Faszination der Fotografie. Hier ´reden´ die Bilder. Etwas dramatischer wird es, als er am nächsten Tag eine seiner Touren am Bahnhof fährt. Zwei Killer verfolgen und töten eine Frau, kurz bevor sie stirbt versteckt sie jedoch unbemerkt eine Musikkassette in Jules´ Mopedtaschen. Von da an hat er keine ruhige Minute mehr. Seine Wohnung wird verwüstet, die Polizei beobachtet ihn und zudem wird er noch von den zwei Mördern verfolgt. Der ahnungslose Jules versteht die Welt nicht mehr, das ganze Theater nur wegen eines Opern-Bootlegs?
Doch er hat auch Verbündete. Da wäre die charismatische Diebin Alba (Süß: Thuy An Luu), die auch dem Zauber der Diva verfällt und Jules tatkräftig mit altklugen Sprüchen unterstützt. Oder ihr Mitbewohner, der mondäne Gorodish (Cool: Richard Bohringer), welcher mit einer Art Zen-Philosophie lebt. Seine meditativen Aktionen umfassen jedoch auch mal die korrekte Zubereitung von Baguettes (´Die ganze Welt beneidet uns Franzosen darum, um diese Kunst!´) und das Beobachten von künstlichen Wellen. Dann lernt Jules noch den Menschen hinter der ´Diva´ kennen, die ihm etwas schenkt, was sich viele Fans in aller Welt innigst von ihren Idolen wünschen: Zuneigung. Zusammen gehen sie in den Kampf gegen korrupte Polizisten und zwei apathische Killer, die überwiegend ihr Klischee erfüllen und sich eiskalt durch den Film morden. Einen der beiden spielt übrigens Dominique Pinon, welcher aus nahezu allen Filmen von Jean-Pierre Jeunet (´Delicatessen´) für sein schräges Auftreten bekannt ist. Und dieser sorgt für ein seltsames Déj? v?, als er mit versteinerter Mine und Sonnenbrille in einer Spielhalle nach Jules sucht. Man wagt es kaum auszusprechen, aber ob da James Cameron wohl ein wenig für ´Terminator´ abgeschaut hat?
Der Film vereint zwei klassische Motive des französischen Kinos. Zum einen wäre da der typische Korruptionsthriller, der im Frankreich dieser Zeit eine gewisse Popularität genoss. Dieser Handlungsstrang alleine hätte schon für einen eigenständigen Film gereicht, die Geschichte um die geheimnisvollen Kassette sorgt für viele Überraschungen und nebenbei eine kleine Verfolgungsjagd durch das pariser Metronetz. Die Krimi- und Spannungselemente halten sich jedoch in gewissen Grenzen, denn einer Gratwanderung gleich verknüpft sich der
Plot mit einer sanften Romanze zwischen Jules und der Diva. Dieser Teil der Geschichte nimmt fast märchenhafte Züge an und berührt den Thriller nur durch die Existenz des Bootlegs. Und das ist auch gut so. Denn so lobenswert und edel der Idealismus der Sängerin, ihre Kunst nicht zu konservieren, auch sein mag, inmitten den abgehobenen, aber im Grunde durchweg profanen Figuren wird sie dadurch etwas zur Kunstfigur mystifiziert. Dieser Umstand relativiert sich erst in den letzten Minuten, als der Film eine glaubwürdige Erklärung hierfür liefert. Davor gibt es ein Handlungsspektrum von poetisch angehauchten Spaziergängen durch pariser Strassen bis hin zur dramatischen Flucht vor den Bösen. Aber keine Angst, schon durch die Charakterisierung der Protagonisten bemerkt man eine gewisse ´schützende Hand´ über den Hauptfiguren, ´Diva´ will im Grunde nur aussergewöhnlich erzählen, Spannung und Gewalt stehen weit hinter der Hauptintention des Films: Atmosphäre. Die kommt auch prächtig rüber, in erster Linie ist dies den durchweg souveränen Charakteren und der stilvollen Kameraführung von Philippe Rousselot zu verdanken.
Dieser fing für Regisseur Jean-Jacques Beineix zeitlos schöne Szenen von Paris ein und rückte interessante Motive und Protagonisten zumeist mit bestechender Kameraführung ins rechte Licht. Rousselot versuchte mit seiner Kamera den Zeitgeist vom dreckig bis idyllischen Paris und seinen Bewohnern zu verewigen, und dieses gelingt ihm jenseits aller keimfreien Hollywoodästhetik, welche gerade von den Franzosen zu gerne kopiert wurde. Die Kamera fährt meistens behutsam um ihre Objekte und badet in den Szenen, die auch mal weit unter kinotauglicher Attraktivität liegen, aber durch Rousselot zu fotogenen Blickfängern werden. Oft erzählt der Film seine Geschichte fast ohne Dialoge, nur aufbauend auf seinen Bildern und dem schönen Score von Vladimir Cosma. Durch diese ungewöhnliche Verbindung von Dialog- und Bildebene strahlt ´Diva´ eine seltsame Ruhe und Erhabenheit aus. Die Motive bleiben im Bewusstsein hängen und man fühlt, dass man die Geschichte immer ´im Griff´ hat, wie beim Betrachten eines Bilderbuchs. Für Freunde traditioneller Fotografie ein echter Genuss. So verwundert es auch nicht, dass ´Diva´ 1982 ganz gross abräumte und, neben einem speziellen Kamerapreis, die Cesar´s für Sound, Score und Kamera mit nach Hause nahm. Rousselot´s Künste waren wenige Zeit später auch in Hollywood gefragt. Zu den schönsten Arbeiten seiner immer noch andauernden Karriere zählen unter anderem ´Sommersby´, ´Interview mit einem Vampir´ und aktuell Tim Burton´s ´Planet der Affen´.
Ein Opernfan muss man bestimmt nicht sein, nur etwas Sinn für märchenhaft angehauchte Geschichten haben und bestechend schöne Visualisierung mögen. Der
Plot erzählt sich hauptsächlich mit seinen Bildern und gibt viel Zeit, die Absichten und Fähigkeiten der Charaktere zu ergründen. ´Diva´ hat mir erstaunlicherweise immer noch Spass gemacht. Obwohl ich den Film seit seinem Bestehen schon mindestens 10 Mal gesehen habe, bin ich immer noch fasziniert von der unspektakulären Geschichte mit Hochglanz-Optik und schönem Score. Man muss aber unbedingt in der richtigen Stimmung sein für dieses Werk. Man muss die Hektik des Alltags und der lauten, effektgeladenen Actionfilme hinter sich lassen können und vorallem bereit sein, schöne, ruhige Bilder des (un)alltäglichen pariser Lebens wirken zu lassen. Dann, und nur dann ist die ´Diva´ nicht mehr launisch, sondern beglückt Auge, Ohr und Gemüt.
Fazit
´Diva´ erzählt von einer Sängerin, die sich weigert, ihre Kunst zu konservieren. Und von einem Fan, der das nicht so leicht hinnimmt. Das Ergebnis ist ein illegales Bootleg, welches durch eine Verwechslung mit einem anderen Tape für eine wahrhaft mörderische Geschichte sorgt. Jean-Jacques Beineix verfilmte ´Diva´ 1981 als kleines ´Neon´ - Märchen und setzte damit einen preisgekrönten Kultfilm in die Welt. Zu verdanken ist dies den souveränen Charakteren und der bestechenden Hochglanzoptik, die für tolle Atmosphäre sorgt - auch noch 20 Jahre danach.
Gerhard Müller (DVD Center)
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