Mussolinis Italien im Jahre 1944.
Vier hohe, faschistisch geprägte Persönlichkeiten der Großbourgeoisie veranstalten eine menschenverachtende Lustorgie, welche die Grenzen des Erträglichen und des Vorstellbaren zerbersten läßt. Um ihren perversen Durst zu stillen, lassen die Vier, zu Objekten der animalischen Begierde degradiertes, menschliches Material herbeischaffen. In drei gewaltverliebten Akten: Höllenkreis der Leidenschaft, Höllenkreis der Scheiße und Höllenkreis des Blutes, durchleiden die Opfer die Qualen der Perversität...
Die heuchlerische Verleumdung der Mussolini-Diktatur, die die Macht nicht als anarchisch empfindet sondern als gegebenen Zustand toleriert und hinnimmt, bewegte Pasolini zu dieser düsteren Inszenierung. Pasolini legte bei den Dreharbeiten zu "Die 120 Tage von Sodom" großen Wert auf eine filmstilistische Reduktion. Es wurde fast nur in geschlossenen Räumen gedreht, das Licht ist kalt und tot, es ist alles Zitat und Dekor, die Schauspieler mußten spielen und nicht einfach sein, um die widersprüchliche Atmosphäre zu schaffen. Die Madonnen-Statuetten wirken als hastig dazu gestellte Kontrast-Elemente zu metaphorisch blasphemischen Handlungen der Protagonisten. Die Picasso-Gemälde indes scheinen gewollt auf die spanischen "Franco-Diktatur" anzuspielen.
Die Darsteller sind ihrerseits äußerlich völlig unbelastet, erregen aber mit ihren machtpotenziell legitimierten Handlungen Wut und Zorn. Darauf bauend wird der Film von einer gefühlssterilen Atmosphäre beherrscht, die den kalkulierten Wahnsinn bis in die Gedärme spüren läßt. Bis in die Gedärme spüre ich das untrügliche Gefühl, dass auch dieser grandiose Film schnell wieder von den üblichen Nichtskönnern remotet wird. Ekel und Genuß fungieren in diesem Film wie siamesische Zwillinge: Zu klassischer Musik (z.B. "Das heitere Gesicht des Frühlings" aus Carl Orffs "Carmina Burana") spielt die finale Folterszene und im Augenblick der Demütigung zitiert man Nietzsche und Baudelaire. Hier wird eines eindeutig klar: Intellekt ist keine Grundvoraussetzung für das Gute!
Aber was ist die Faszination dieses Films, die einem wie kaltes Erbrochenes im Halse des Gewissens steckt? Es ist die Wahrheit! Es ist die Wahrheit der unabstreitbaren menschlichen Geschichte. "Die 120 Tage von Sodom" ist ein Präzedenzfall der Selbsterkenntnis, nämlich jener, daß in jedem von uns die gottgegebene genetische Verschuldbarkeit der Barbarei innewohnt. Im historischen "Dreisatz" lautet dies: Denunziation - Colaboration - Auschwitz.
Der Film wurde im Erscheinungsjahr 1975 fast überall auf der Welt verboten. Am Morgen des 2. November 1975 fand man Pasolini, den "ideologischen Freibeuter", tot auf einem Vorstadt-Bolzplatz, mit zerbrochenem Schädel und von seinem eigenen Auto überfahren. Ein Tod, wie in einem seiner Filme. Ein rechtsradikaler Anschlag wurde nicht ausgeschlossen. Zwei Monate darauf gelangt "Die 120 Tage von Sodom", der Zensur unterworfen, in die Kinos. - Ein Film, den man gesehen haben muß.